Nachhaltig wirtschaften

oder: warum es sich lohnt, die Weihnachtsgeschenke schon vor dem 24. Dezember zu besorgen

Es ist in jedem Jahr das gleiche Bild: Kurz vor Weihnachten hektisches Treiben in den Geschäften. In Eile werden noch schnell Weihnachtsgeschenke besorgt. Dabei ist seit Monaten bekannt, dass das Fest kommt, auch dieses Mal wieder pünktlich, unausweichlich und mit der Erwartungshaltung der Liebsten, mit Geschenken bedacht zu werden.

Als ich den Artikel „Wie Gutmenschen Geld verdienen“ im Handelsblatt der letzten Woche las, musste ich wieder einmal an dieses Phänomen denken. Denn nicht nur im Privaten scheint es menschlich zu sein, bis zum letzten Moment zu warten und dann mit höchster Anstrengung die Versäumnisse der Vergangenheit wettmachen zu wollen. Im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung sehen wir ein sehr vergleichbares Verhalten.

Als langjährige Stakeholder der GRI (Global Reporten Initiative), die sich weltweit für die Etablierung von Berichtsstandards im Bereich Nachhaltigkeit engagiert, beobachten wir das Thema sehr genau und sind uns, wie viele andere Experten sicher, dass eine Berichterstattung nicht nur sinnvoll sondern bald zur Pflicht werden könnte.

Dennoch zögern viele Unternehmen, eine Nachhaltigkeitsberichterstattung aufzubauen. Ursache scheint scheint dabei nicht nur das trügerische Gefühl zu sein, noch Zeit zu haben, sondern auch die Angst vor nicht zu erfüllenden Anforderungen, unnötiger Arbeitsbelastung und nicht lohnenden Finanzaufwendungen.

Wir halten dieses Zögern nicht nur für unnötig, da viele Unternehmen in Deutschland im Bereich Nachhaltigkeit bereits ausreichend gut aufgestellt sind, um eine Berichterstattung zu beginnen, sondern sogar für riskant und schädlich. Denn ein Berichtswesen aufzubauen in der Qualität wie die GRI es anstrebt, dauert einige Jahre. Wird die Berichterstattung also zur Pflicht, könnten viele Unternehmen unter einen enormen Zeitdruck geraten.

Aber noch schwerer wiegt unseres Erachtens, dass die Unternehmen auf ihre ihnen zustehende „Belohnung“ verzichten: In dem angesprochenen Handelsblattartikel ist einmal mehr die Rede davon, dass Fonds, die in nachhaltig wirtschaftende Unternehmen investieren, besser abschneiden als andere. Was bedeutet das für die Unternehmen?

Wenn die Fondsinitiatoren spüren, dass sie mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit leichter Geld von Anlegern einsammeln können, wird es mehr und mehr Nachhaltigkeitsfonds geben. Schon heute steckt jeder achte von Fonds verwaltete Dollar in den USA in nachhaltigen Anlagen. Dieser Trend wird sich auch in Europa schnell ausweiten. Es wird schwierig werden, das gesamte Kapital, dass den Fonds zur Verfügung gestellt werden wird, zu platzieren. Wir beobachten bereits, dass mehr und mehr institutionelle Investoren Fragenkataloge an Unternehmen versenden, in die sie investieren wollen. In einigen der Fragenkataloge, die uns vorliegen, werden dabei sehr detaillierte Antworten zur Nachhaltigkeitsstrategie erwartet und zur Voraussetzung für eine Investition gemacht. Kann das Unternehmen keine klaren Aussagen treffen, scheitert das Investment.

Umgekehrt bedeutet dies, dass Unternehmen, die einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen, leichteren Zugang zu Kapital erhalten. Die Belohnung, sich ruhig zurücklehnen zu können und sich auf freudestrahlende Augen freuen zu dürfen, steht also nur dem ins Haus, der vor dem 24. Dezember alle Geschenke besorgt hat.